Mal ein anderer Bericht.

 

Bartzwerge und Alpakas, geht das?

 

Im Tiergarten Straubing auf jeden Fall! 

 

Im Herbst 2022 besuchten wir meinen Cousin im bayrischen Tiergarten Straubing. Er leitet den Zoo, und bei einem gemeinsamen Rundgang zeigte sich ein vielfältiger Tierbestand, der – trotz Regen – einiges zu bieten hatte. Irgendwann kamen wir natürlich auch auf Hühner zu sprechen, und dabei erzählte er von Antwerpener Bartzwergen, die sich bereits seit einigen Jahren im Bestand befanden und ihm natürlich aus unserer Familie bekannt waren. Zu sehen waren sie an diesem Tag allerdings nicht. Die Tiere wurden damals noch hinter den Kulissen gehalten und liefen dort frei irgendwo im Gebüsch herum – praktisch nicht auffindbar, selbst wenn man gezielt suchte.

 

Trotzdem war es natürlich ein schöner Zufall, dass ausgerechnet eine Rasse, die ich selbst seit vielen Jahrzehnten züchte, im Tiergarten vertreten war, auch wenn sie sich zunächst dem Blick entzog. Es handelte sich damals um weiße Antwerpener Bartzwerge, deren Herkunft leider nicht mehr geklärt werden konnte.

 

Diese bekamen jedoch bald eine ganz besondere Aufgabe. In Zoos ist es eine gängige und erprobte Praxis insbesondere bei etwas schreckhaften oder nervösen Huftieren, Hühner mit auf deren Anlagen zu integrieren, um so eine gewisse Desensibilisierung gegenüber Geräuschen und unerwarteten Bewegungen zu erreichen.

 

Auch wenn dies bei den Alpakas des Tiergartens nicht der Fall war, war trotzdem in deren Stall noch eine Box frei und da auch die Besucher etwas von den Hühnern haben sollten, wurden die Bartzwerge Anfang 2023 in diese umgesiedelt. Nach einigen Tagen der Eingewöhnung an den neuen Stall wurde die Stalltür geöffnet und es stellte sich die Frage: Wie kommen so kleine, durchaus selbstbewusste Hühner mit deutlich größeren Tieren klar – und wie reagieren die großen Tiere auf diese „Bodentruppe“?

 

In der Praxis lief das erstaunlich ruhig. Die Bartzwerge bewegten sich selbstverständlich zwischen den Alpakas, ohne hektisch zu wirken, und die Alpakas nahmen die kleinen Mitbewohner weitgehend gelassen hin. Genau dieser unaufgeregte Alltag war am Ende der entscheidende Punkt: Es funktionierte.

 

Da diese Vergesellschaftung so unterschiedlicher Tierarten problemlos lief und die kleinen Hühner schnell zu Besucherlieblingen in diesem Tiergartenbereich wurden, sollte der Bestand der damals nur 1,2 weißen Bartzwerge noch einmal erweitert werden. Daher kamen weitere Antwerpener Bartzwerge hinzu, unter anderem in den Farbschlägen schwarz, gelb-schwarzcolumbia, gold-porzellanfarbig, isabell-porzellanfarbig und gesperbert. Die Hühner stammten dabei sowohl aus einer Privathaltung als auch aus meiner eigenen Zucht sowie von Kai Siebert, ebenfalls Mitglied im Sonderverein. Wie es sich gehört, gingen die neu dazugekommenen Tiere zunächst in Quarantäne, bevor sie zu den anderen durften.

 

Während in der Zucht die Farbenschläge selbstverständlich meist getrennt gehalten werden, ist man im Tiergarten einen anderen Weg gegangen. Die dort bewusst gezeigte „bunte Gruppe“ ist für Besucher schlicht attraktiver und soll die Vielfalt der Rasse unmittelbar sichtbar machen. 

 

Und sichtbar sind die Bartzwerge im Tiergarten mittlerweile definitiv – längst haben sie das gesamte Areal auch rund um die Alpakaanlage herum für sich erobert, stellt der dortige Zaun doch keinerlei Barriere für die Hühner dar. So sind sie selbst an gut besuchten Tiergartentagen munter im Besucherbereich unterwegs, schauen auch mal bei den Yaks oder den Zebras nebenan vorbei und machen hinter den Kulissen gelegentlich den Misthaufen unsicher. Eine typische Situation, die man als Züchter sofort wiedererkennt: Die Tiere sind zutraulich, wenig schreckhaft lernen vor allem schnell, wo etwas zu holen ist: Kinderwagen = Kind = Kekse = Krümel funktioniert als Bartzwerg-Logik im Tiergarten erstaunlich zuverlässig.

 

Mittlerweile hat die „Bunte Truppe“ auch schon mehrfach erfolgreich nachgezogen - mit einer erstaunlich bunten Palette an Farbvarianten bei den Küken, welche oft keinem bekannten Farbschlag eindeutig zuzuordnen sind. Gerade dieser im Tiergarten und zwischen Besuchern und anderen Tieren großgewordene Nachwuchs zeigt sich dabei natürlich als besonders dreist und erfinderisch im Umgang mit Menschen – und stellen gerade damit wirkliche Besucherlieblinge dar, was man sonst eher von deutlich größeren Arten erwartet.

 

Insgesamt zeigt das Beispiel aus dem Tiergarten Straubing also etwas, das man in dieser Form nicht alle Tage sieht: Antwerpener Bartzwerge nicht nur als Zucht- und Ausstellungstiere, sondern als sichtbare, präsente Ergänzung in einer Großtieranlage – mit erfolgreicher Haltung, funktionierender Vergesellschaftung und, ganz nebenbei, einer sehr positiven Wirkung auf Besucher, die sicher dazu beiträgt, den ein oder anderen auch für das Hobby der privaten Hühnerhaltung zu begeistern.

 

Rainer Uhrig mit freundlicher Unterstützung von Dr. Michel Delling (Direktor Tiergarten Straubing)

 

 Fotos: Dr. Michel Delling